CONCERTO 08/09. 2005
Mit Mut zum Risiko
Der Klang der Kulturen, Vol. 4: Polen.
Mielczewski, Zielinski, Döbel, Nauwach, Weiss, Speer u.a.
Katarzyna Wiwer (Sopr.), Ars Antiqua Austria,
Ltg. Gunar Letzbor.
Symphonia (04210) © 2005
(Vertrieb Helikon Harmonia Mundi) CD
Die Verbindungen zwischen der Kunstmusik des 17. Jahrhunderts und der zeitgleich
florierenden, oft heute noch lebendigen Volksmusik faszinieren den österreichischen
Barockgeiger Gunar Letzbor ganz besonders und haben ihn zu seiner europaweit
angelegten Konzertreihe »Klang der Kulturen« angeregt (vgl.
CONCERTO Nr. 196). Jedes Konzertprogramm wird als Live-Mitschnitt auf CD
dokumentiert, wobei zwangsläufig - aber auch mit bemerkenswertem Selbstbewusstsein
- einiges an kleineren interpretatorischen Ungenauig-keiten und an Störgeräuschen
konserviert wird, das in einer Studioproduktion nichts zu suchen hätte.
So fällt dann in der vorliegenden, der Musiklandschaft Polen gewidmeten
Folge während der moritatenartigen Schilderung Wie eine tapffere Dame
einem ruhmräthigen Venus-Narren Hörner aufsetzt mit lautem Krachen
ein Stuhl um. Das war eine unachtsame Zuhörerin im Lübecker Behnhaus
schuld, erfährt man aus dem Booklet; das bringt die Sängerin Katarzyna
Wiwer und ihre Begleiter aber nicht weiter aus der Fassung. Und irgendwie
intensiviert es sogar die Dramaturgie dieser Strophen-Aria Daniel Speers.
Der stammt aus Breslau und wirkte später im Württembergischen,
könnte aber zuvor Wanderjahre in Südosteuropa verbracht haben.
Zu monieren wäre an der Interpretation die etwas unklare deutsche Aussprache
der polnischen Sopranistin, durch die dem Hörer manche Textsentenz
entgeht (das Booklet verzichtet leider auf den Librettoabdruck und bietet
ausgerechnet zu Speer auch sonst keine näheren Informationen).
Im Übrigen ist es aber eine Lust, den mit Biss und gleichzeitig mit
klangschönem Ton aufspielenden Streichern von Ars Antiqua Austria zu
lauschen, in den munteren Sonaten des polnischen Hofmusikers Marcin Mielczewski,
des Gebürtigen Danzigers Heinrich Döbel, der eine Weile auch am
polnischen Königshof wirkte, und nicht zuletzt in der Folge kerniger
Volkstänze aus der Sammlung der Krakauer Jagellonen-Bibliothek, in
denen Letzbor seine Violine gegen den urtümlichen Slobtschok eintauscht
(oder tut er das wirklich bereits in der MielczewskiCanzona, wie im Beiheft
zu lesen?). Im geistlichen Konzert Mikolaj Zielinskis überzeugt Katarzyna
Wiwers schlanker Sopran vor dem Hintergrund des sensiblen Orgelspiels Norbert
Zeilberger ebenso wie in einer passagenreichen italienischen Arie Johann
Nauwachs. Mit der Sonate »L'infidele« von Silvius Leopold Weiss,
der schon vor seiner Zeit als Hoflautenist der sächsischen Kurfürsten
(gleichzeitig Könige von Polen) in polnischen Gefilden tätig war,
beschert Hubert Hoffmanns introvertiertes Lautenspiel dem Programm überdies
einen geschmackvoll gestalteten Ruhepunkt.
behe