Concerto: 04-05/2007
Sehr zugeneigt
Antonio Bertali (Samuel Capricornus?):
Prothimia suavissima. XII Sonate a tre o quattro strumenti e basso
II (1672).
Ars Antiqua Austria, Ltg. Gunar Letzbor (Vl.). Arcana (340) 2006 (Vertrieb
Helikon Harmonia Mundi) CD
Prothimia ist selbst im Lateinischen ein Fremdwort. Dem Griechischen entlehnt
(und eigentlich prothymia zu schreiben), meint es soviel wie
Zuneigung oder Empfehlung. Der Titel ist nicht zu
hoch gegriffen. Tatsächlich stellt sich beim Hören dieser CD prothimia
suavissima, süßeste Zuneigung ein, und die nachfolgende Empfehlung
versteht sich von selbst.
Doch der Reihe nach. Unter dem gelehrten Titel sind insgesamt 24 Sonaten
in einem Druck von 1672 erhalten, jeweils einsätzig mit mehr oder weniger
reichhaltiger Untergliederung kontras-tierender Teile. Der Druckort ist
nicht bekannt, der Autor wird lediglich mit den Initialen J. S. A. B. genannt
und nach Sebastien de Brossard, in dessen legendärer Sammlung sich
ein vollständiger Druck erhalten hat, mit dem Wiener Hofkapellmeister
Antonio Bertali (1605-1669) identifizert. Tatsächlich enthält
der Druck jedoch auch sechs Sonaten aus der bereits 1671 postum gedruckten
Continuation der neuen wohl angestimmten TaffeI-Lustmusik des Stuttgarter
Hofkapellmeisters Samuel Capricornus (1628-1665). Da die postumen Drucke
der Instrumentalmusik von Capricornus einige Fehlzuschreibungen enthalten
und Capricornus Bertali auch als sein kompositorisches Vorbild angegeben
hat, lässt sich Brossards Zuschreibung der Prothimia, die gleichfalls
postum erschienen wäre, nachvollziehen. Andererseits ist der Druck
stark fehlerbehaftet und bereits einigermaßen sicher als Raubdruck
identifiziert wer hier alles seine Hände im Spiel hatte, wird
sich vermutlich kaum noch auflösen lassen, zumal sowohl bei Bertali
als auch bei Capricornus von einer großen Zahl verlorener Werke auszugehen
ist, die somit bei der detektivischen Arbeit fehlen.
Dass hier aber in jedem Fall ein erstrangiger Komponist seine süßeste
Zuneigung bezeugt, steht außer Frage. Bereits die erste Sonate zeigt
Originalität und Einfallsreichtum: Auf den munteren Anfang mit einfachen
sequenzierten Dreiklangsbrechungen folgt ein langsamerer zweiter Teil, der
mit chromatisch aufsteigenden Linien und kunstvollen Modulationen gewissermaßen
den konzentriert gekünstelten Gegenentwurf zum spielerischen Beginn
darstellt, beide Welten am Schluss im frischen Kehraus zusammenführend.
In eine gänzlich andere klangliche Welt führt die einteilig gebaute
dritte Sonate, die ein weit ausschwin-gendes elegisches Thema kontrapunktisch
fein durch die Stimmen webt. Mit dem regelmäßigen ostinaten Harmonieschema
mutet sie wie eine achtminütige Meditation an. Jede der zwölf
Sonaten wird auf diese Weise zu einer Entdeckungsreise, und man ahnt, warum
diese Musik schon bei Zeitgenossen ihre abenteuer-lichen Wege genommen hat.
In Gunar Letzbor und seiner Ars Antiqua Austria finden diese Sonaten kongeniale
Interpreten. Letzbor spürt den feinen Stimmungen der Musik sensibel
nach, lässt sich von ihrem Schwung ebenso mitreißen wie von ihrer
edlen Anmut begeistern. Der exzellent ausbalancierte, farbig leuchtende
Klang des gesamten Ensembles rundet diese großartige Aufnahme ab,
der man sehr zugeneigt sein kann.
Andreas Waczkat